Der 98. Geburtstag beim SV Darmstadt 98 oder wie mein Vater noch ins Fernsehen kam

Der 98. Geburtstag meines Vaters war so grandios, dass mein eigener Geburtstag einige Tage später, der auch eine gewisse Bedeutung hatte, schon von vorneherein hinten anstehen musste.

Noch vor dem 19.4. war klar, dass es am Tag der Tage einigen weiteren Trubel geben würde. Ich stand unter permanenten Adrenalin- und Endorphin-Schüben und hatte so viel Freude an allem. Alle waren so freundlich und so gut gelaunt!

Ich hatte einen weiteren Anruf vom Verein erhalten, und sie wollten wissen, welche Kleidergröße mein Vater trage, weil ein Trikot überreicht werden sollte. Der 98, Geburtstag ist doch schon etwas Besonderes – auch für den Sportverein.

Der Hessische Rundfunk erstellte einen schönen Beitrag fürs Radio (ist HIER noch online), und ich wurde dazu noch einmal befragt.

Es gab immer wieder mal einen Anruf, in dem irgendetwas neu geklärt werden sollte. Ich hatte so viel Freude an allem. Alle waren so freundlich und so gut gelaunt! Am Ende war auch klar, dass die gesamte Familie eingeladen war.

Und so kam es dann auch.

Meine Schwester, mein Schwager und ich fuhren mit meinem Vater und einem Rollstuhl im Auto direkt vors Stadion auf einen Sonderparkplatz. Die Idee mit dem Rollstuhl war Gold wert. Mein Vater benötigt üblicherweise keinen. Aber weitere Strecken laufen sich eben mal nicht so. Und so ein Stadion ist für einen älteren Menschen streckenmäßig schon eine Aufgabe.

Ich durfte mir dann erst einmal die Örtlichkeiten anschauen. Dann holte ich die Anderen am Eingang ab. Noch schien die Sonne auf die Tribüne, was sich leider noch ändern sollte, aber ich war vorbereitet. Die Luft im Schatten war kühl.

Wir hatten reservierte Plätze auf der Tribüne und nahmen sie ein. Mein Schwager kümmerte sich darum, den Rest der Familie noch zu den Plätzen zu bringen. Meine Schwester und ich blieben bei meinem Vater, der dann auch schnell die Aufmerksamkeit einiger Menschen auf sich zog.

Erst kam eine Dame vom Darmstädter Tagblatt und führte ein kurzes Interview. Fotos wurden gemacht, und aus all dem machten sie einen schönen Bericht zum besonderen Ereignis (hier nachzulesen – mit Familienfoto)

Etwas später kamen die nächsten Gratulanten: Der Vize-Präsident des SV Darmstadt 98 kam nicht nur zum Gratulieren, sondern überreichte das Trikot. Mein Vater trägt nun stolz die „98“ auf dem Rücken – ein Unikat, das man sich erst einmal verdienen muss! (Der Verein berichtete dann auf seiner Homepage und in Facebook davon: Homepage SV98Facebookbeitrag SV98)

Meine Familie kümmerte sich dann auch um unser leibliches Wohl. Traditionsgemäß esse ich im Stadion IMMER eine Paprikawurst, und so geschah es auch dieses Mal. Mein Vater ließ sich Zeit mit dem Essen, was dazu führte, dass ich ihm immer wieder die Wurst aus der Hand nahm, ihn zum Lächeln aufforderte, weil irgendjemand Aufnahmen machte, und ich meinem Vater dann wieder die Wurst reichte.

Da ich auch nicht mit Wurst aufs Bild wollte, habe ich diese stets einem der Männer der Familie in die Hand gedrückt, was dazu führte, dass sich mein Vater nach dem dritten Mal zu mir rüber beugte und mir das Wort „Bakterienwurst!“ ins Ohr flüsterte. Ich musste so was von lachen!

Ich sah dann auch, dass eine Fernsehkamera auf uns gerichtet war, aber ich wusste nicht, wer da filmte. Der Hessische Rundfunkt hatte für die Hessenschau (mein Vater ist ein treuer Zuschauer, das hätte gepasst) keine Drehgenehmigung erhalten.

Es gab dann kurz vor dem Spiel noch eine Durchsage: Der Stadionsprecher gratulierte über Lautsprecher und die Zuschauer jubelten. Die Stimmung war einfach genial.

Mein Vater freute sich, dass das Stadion so gut gefüllt war. Er ist einer der treuen Fans, die auch in schlechten Tagen immer wieder bei den Lilien waren und somit kein Schönwetterfan. Und er kennt das Stadion eben auch aus diesen schlechten Zeiten. Da hatte jeder Besucher viel Platz um sich… Auch ich war begeistert, denn auch ich war in den nicht so schönen Zeiten immer mal im Stadion. Das ist allerdings ein paar Jahre her.

Dann ging es los. Spielerisch waren die Lilien an dem Tag nicht in Bestform. Und so gelangten wir torlos in die Halbzeitpause. In der Pause kam dann ein Mann zu uns, im Schlepptau hatte er den Mann mit der Fernsehkamera. Er stellte sich als Journalist von Sport1 vor und fragte, ob er ein Interview führen dürfte. Er durfte!

So stand mein Vater eine kleine Weile Rede und Antwort, was sicher aufgrund der Geräuschkulisse durchaus anspruchsvoll war. Das Interview sollte in den Spielbericht der Sendung Hattrick mit einfließen. Ich war gespannt. Noch mindestens 20 Minuten nach Beginn der 2. Halbzeit war die Kamera ausschließlich auf uns gerichtet. 

Mein Vater meinte dann zu mir, dass ihm die Augen tränen würden, und so gab ich ihm meine Sonnenbrille – eine Ray Ban mit goldfarbener Fassung. Er sah dann aus wie ein kleiner Mafiosi. Zum Brüllen! Aber mit der Brille ging es dann für ihn besser mit dem Sehen.

Und endlich fiel dann auch ein Tor für die Lilien. Ein verwandelter Elfmeter. Wir jubelten laut. Kurz darauf konnte die gegnerische Mannschaft ausgleichen, und das war dann auch das Endergebnis, durchaus passend. 

Wir fuhren dann noch zum Grillen zu meinem Neffen. Ich erhielt am frühen Abend einen Anruf vom Journalisten von Sport1, der mich darüber informierte, dass der Spielbericht nun gleich gesendet werde. Und so saß die gesamte Familie dann vor dem Fernseher und schaute sich das an. Der Spielbericht und die Anteile, in denen es um meinen Vater ging, waren wiederum so liebevoll gemacht! Mein Vater wurde an diesem Tag so gar nicht müde – für einen Menschen in seinem Alter durchaus bemerkenswert. 

Am nächsten Tag kam dann bei mir die Rührung über das, was wir da gemeinsam erleben durften, richtig durch: Ich habe den gesamten Vormittag immer wieder geweint, und auch heute noch schießen mir die Tränen in die Augen, wenn ich an den Tag denke – wegen eines so schönen, einmaligen Erlebnisses.

Letzte Woche, als ich von einer Geschäftsreise nach Hause gekommen bin, lag dann die DVD, mit dem Spielbericht aus „Hattrick“ im Briefkasten. Der Sport1-Journalist hatte mir gesagt, dass er versuchen würde, mir eine Kopie zu besorgen. Es gibt Menschen, die etwas versprechen. Und einige davon halten es auch. Ich bin sehr dankbar darum.

Ich habe mir den Spielbericht noch einmal angesehen – ganz für mich. Denn irgendwie war es auch mein Tag gewesen, auch wenn er nicht für mich gedacht war. Dies war dann der bisherige Abschluss des Erlebnisses. 

Diesen 19.4. trage ich als kleinen Diamant aller meiner bisherigen Erfahrungen in meinem Herzen und werde hoffentlich immer wieder daran denken.

Und mein Geburtstag war mir nach diesem Tag noch viel unwichtiger geworden.

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